Wissenschaftliche Begleitung des WIR-Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin

Wissenschaftliche Begleitung des WIR-Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin

Laufzeit: von 2016 bis 2019
Auftraggeber: Bundesministerium für Gesundheit
Mitarbeitende: Schu, Enders

Aufgabe

Walk in Ruhr – das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR) in Bochum möchte Prävention, Information, Beratung, medizinische Behandlung, Psychotherapie und Selbsthilfe zusammen bringen. Im WIR-Zentrum arbeiten sechs unterschiedliche Institutionen zusammen: Die Interdisziplinäre Immunologische Ambulanz – Zentrum für Sexuelle Gesundheit der Klinik für Dermatologie der Ruhr-Universität/St. Josef-Hospital, die Aidshilfe Bochum e. V., das Gesundheitsamt Bochum, Pro familia e. V., Madonna e. V. sowie Rosa Strippe e. V.

Das Bundesgesundheitsministerium möchte dieses innovative Vorhaben unterstützen und fördert für drei Jahre die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation der Arbeit durch FOGS (Gesamtleitung), die Delphi Gesellschaft (Berlin) und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Umsetzung

Neben umfassenden Bestandsaufnahmen zu integriert arbeitenden Versorgungsansätzen zu sexueller Gesundheit in Deutschland und Europa sowie zur Situation und den Aktivitäten der WIR-Zentrums-Akteure in Bochum ist geplant, den Implementierungsprozess des WIR-Zentrums intensiv zu begleiten. Das Evaluations- und Begleitungskonzept soll in einem partizipativen Prozess konkretisiert und finalisiert werden.

Die Prozess- und Ergebnisevaluation durch ein interdisziplinäres Team aus Sozialwissenschaftler*innen, Psycholog*innen und Mediziner*innen wird mit qualitativen und quantitativen Verfahren Rahmenbedingungen und Arbeit erfassen, die Erfahrungen und Sichtweisen aller Beteiligtengruppen eruieren (Leitungen der beteiligten Einrichtungen, Beschäftige im WIR-Zentrum, die Nutzer*innen sowie externe Versorgungsbeteiligte und Förderer/Finanziers), Wirkungen untersuchen und laufend aktuelle Entwicklungen zu integrierten Versorgungsansätzen in Deutschland berücksichtigen.

Im Rahmen der Evaluation werden zudem die Auswirkungen des Zentrums auf die örtliche Versorgung und die Entwicklung der Finanzierung inkl. ggf. innovativer Finanzierungsmodelle untersucht. Die Ergebnisse werden so aufbereitet, dass sie für ähnliche Versorgungsvorhaben Richtwerte und Anforderungen skizzieren und so Umsetzung unterstützen.

Ergebnis

Das Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum ist das erste integrierte Versorgungsangebot in Deutschland, das seit 2016 Prävention, Beratung, breite medizinische und psychotherapeutische Behandlung und Selbsthilfe unter einem Dach vereint. Die Evaluationsergebnisse lassen erkennen, dass durch die räumliche Zusammenfassung der Leistungen und vor allem durch die fallbezogene Zusammenarbeit, aufeinander abgestimmte Präventions-, Test- und Versorgungsangebote gefördert und Übertragungen und Ko-Infektionen frühzeitig erkannt und behandelt werden konnten.

Das WIR erreicht eine heterogene Klientel, darunter auch Spätdiagnostizierte. Der Versorgungsbeitrag des Zentrums ist groß, im Untersuchungszeitraum wurden deutlich steigende Nutzer*innen- und Testzahlen registriert, bei vergleichsweise hohen Positiv-Raten. 17 % der Besucher*innen nutzten mehrere Unterstützungsangebote, wobei die Weiterleitung in drei Viertel der Fälle noch am gleichen Tag erfolgte. Menschen ohne Krankenversicherung wurden in begrenztem Umfang erreicht, ihre Behandlung im Bedarfsfall über freiwillige Leistungen der Kommune und Spenden gewährleistet. Die Erfahrungen zeigten aber auch, dass für bestimmte Teilgruppen wohl weitere Angebote oder Kooperationen notwendig sind, bspw. zum Thema problematischer Suchtmittelkonsum. Die enge Verzahnung der WIR-Akteure, die Nähe zum Feld und die wissenschaftliche Basis förderten eine bedarfs- und zielgruppenorientierte Angebotsentwicklung (z. B. PrEP-Versorgungspfad, Health Advising, Partner*innen-Benachrichtigung).

Die Erhebungen zeigten eine hohe Zufriedenheit der Nutzer*innen mit der Qualität des Angebots und der akzeptierend-wertschätzenden Haltung im Zentrum. Sie bewerteten es mehrheitlich als Vorteil, verschiedene Hilfen an einer Stelle zu finden.

Damit diese integrierte Versorgung auf Dauer gelingen kann, muss viel Zeit für gemeinsame Konzeptentwicklung und Austausch aufgewendet werden. Die Erfahrungen aus der Implemen-tierungsphase des WIR verweisen auf den Bedarf nach einer verlässlichen und adäquaten Finanzierung.

Mit Blick auf zukünftige Konzepte ist festzuhalten, dass derart integrierte Angebote das Zusammenwirken medizinischer und beraterischer Kompetenz brauchen, ebenso wie Lebensweltnähe, Settingbezug und eine akzeptierend-wertschätzende Haltung aller Beteiligten gegenüber den Nutzer*innen. Perspektivisch sollten Nutzer*innen an der Angebotsentwicklung beteiligt und Peer-Konzepte implementiert werden. Organisationsform und Finanzierung sollten dauerhafte Strukturen und intern Austausch und Kooperation gewährleisten. Da die föderale Untergliederung sowie die komplexe Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens den Aufbau und die Finanzierung von sektorübergreifenden integrativen Angeboten erschweren, müssen hierfür neue Lösungen gefunden werden.

Für die Weiterentwicklung integrativer Ansätze im Bereich sexuelle Gesundheit sind auf fachlicher Ebene Austauschforen sinnvoll, die auf Bundes- und/oder Länderebene organisiert werden und sowohl Ärzteschaft, Nichtregierungsorganisationen als auch den ÖGD ansprechen sollten. Schließlich wurden Entwicklungsbedarfe im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung erkannt, die bessere Erkennung und Behandlung von STI ermöglichen würden.

Den Abschlussbericht zum Projekt finden Sie hier.